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Wortwechsel

WER BEI UNS AR­BEITET, HAT LANGE ARBEITS­TAGE

Wie ist es um die Zukunft der Kriminalpolizei in Bayern bestellt? Vor welchen Herausforderungen steht sie und was wünscht sie sich von der Politik? Bei einem Gespräch mit unserer Fraktion hat der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) Landesverband Bayern berichtet, wo der Schuh drückt. Eins der Probleme: die Überalterung in den Dienststellen.
 

VON DER SCHUPO ZUR KRIPO

Roland Weigert: Letztes Jahr hat uns die Bayerische Polizei bei einem Fachgespräch im Innenausschuss berichtet, dass der Altersdurchschnitt der Vollzugsbeamten bei knapp 38 Jahren liegt, bei der Kripo sogar noch höher. Der demografische Druck ist also enorm ...

Robert Krieger: Ja, die Entwicklung ist besorgniserregend. Der Altersdurchschnitt in den Dienststellen der Kripo liegt aktuell bei 52 Jahren. Wir brauchen dringend junge Leute, die in diesen Erfahrungs­ und Wissensberuf frühzeitig hineinwachsen können.

Roland Spindler: Das Problem ist, dass ein Direkteinstieg bei der Kriminalpolizei nur selten und in sehr engen Grenzen stattfindet. Einsteiger müssen in den allermeisten Fällen die Einheitsausbildung der Polizei durchlaufen – egal, ob sie später im Streifendienst bei der Schutzpolizei oder als Ermittler bei der Kriminalpolizei arbeiten wollen.

Wolfgang Hauber: Ich bin ein Befürworter der Einheitsausbildung. Sie hat sich über viele Jahre bewährt. Nur so ist auch ein Wechsel von der Schutz­ zur Kriminalpolizei und umgekehrt möglich. Diese Flexibilität möchte ich nicht aufgeben.

Robert Krieger: Die Folge ist, dass die jungen Kolleginnen und Kollegen nahezu ihr halbes Erwerbsleben bei der Schutzpolizei verbringen, bevor sie einen Wechsel zur Kripo überhaupt erwägen. Aber dann haben sie in aller Regel Familie und Verpflichtungen und sind bei der Schutzpolizei gut situiert. Ziel müsste vielmehr sein, die jungen Kolleginnen und Kollegen schnellstmöglich nach der Ausbildung zur Kripo zu bringen, indem man die Verweildauer bei der Schutzpolizei verkürzt und auch eine Ausbildung auch bei Kripo ermöglicht.

AUSBILDUNG AUF DEN PRÜFSTAND

Wolfgang Hauber: Zu meiner Zeit, als ich das Studium abgeschlossen hatte, gab es für die Direkteinsteiger keine Verpflichtung, erst eine bestimmte Zeit bei der Schutzpolizei Dienst zu leisten. Es mussten viele ihren Dienst direkt bei der Kripo antreten.

Roland Spindler: Wir müssen deshalb schleunigst die Ausbildung auf den Prüfstand stellen und modernisieren, damit wir nicht in einen Personalnotstand geraten.

Jürgen Schneider: Ideal wäre eine spezialisierte Ausbildung von mindestens sechs Monaten Dauer. Hinterher wären diese Polizistinnen und Polizisten fertige Kriminaler, die auch Kapitalverbrecher vernehmen können.

Wolfgang Hauber: Dieses Spezialwissen wird über unser Fortbildungsinstitut in Ainring vermittelt und gilt im Übrigen auch für die Schutzpolizei.

Frank Häublein: Auch im Bereich Cybercrime, Attacken auf Blockchains und dergleichen brauchen wir dringend junge Leute.

Robert Krieger: Dass Interessenten der direkte Zugang zur Kriminalpolizei verwehrt wird, ist aber nur ein Faktor, warum sich die Personalgewinnung für uns schwierig gestaltet. Hinzu kommt die schlechtere Work­Life­Balance bei der Kripo. Wer bei uns arbeitet, hat lange Arbeitstage und kann eher nicht um 18 Uhr mit Freunden im Biergarten sitzen oder Zeit mit der Familie verbringen. Das schreckt ab.

Wolfgang Hauber: Dieses Argument ist abwegig. Ich habe mehr als drei Jahrzehnte im Schichtdienst bei der Schutzpolizei gearbeitet. Das bedeutet nur jedes vierte Wochenende frei. Ich glaube, da schaut es mit der Work­Life­Balance bei der Kripo doch etwas besser aus.

PSYCHISCHE BELASTUNGEN ANGEMESSEN HONORIEREN

Roland Weigert: Kommen wir zu einem anderen Thema. Mir war dieses Treffen auch deshalb so wichtig, weil ich aus meiner Zeit als Landrat noch weiß, wie aufwühlend und belastend die Ermittlungsarbeit bei der Bekämpfung von Kinderpornografie ist. Was ich damals gesehen habe – und das waren in zehn Jahren vielleicht 20 oder 25 Fälle –, geht mir bis heute nach.

Roland Spindler: Das stimmt. Deshalb wünschen wir uns auch eine Anerkennung der psychischen Belastung durch die Einführung einer Zulage für all diejenigen, die mit sexualisierter Gewalt an Kindern betraut sind. Andere Bundesländer machen das schon – darunter zum Beispiel das Saarland, MecklenburgVorpommern oder Berlin. Manche bieten auch bis zu drei Tage Sonderurlaub an.

Jürgen Schneider: Allerdings halten wir einen monetären Anreiz für sinnvoller. Die Besetzung in den Dienststellen ist ja ohnehin schon auf Kante genäht – wenn Beamte dann noch zusätzliche freie Tage in Anspruch nehmen, verschärft das den Personalmangel noch weiter. Zumal wir nicht absehen können, wie die Personalsituation in zwei Jahren aussieht. Die Frage ist ja: Wie lange kann jemand, der bei der Kipo – also im Bereich der Kinderpornografie – arbeitet, das psychisch leisten?

Wolfgang Hauber: Wie viele Kriminalbeamte arbeiten denn aktuell bei der Kipo?

Roland Spindler: Grob überschlagen sind es 300 Männer und Frauen in ganz Bayern – Tendenz allerdings stark steigend.

Frank Häublein: Ja, weil die Zahl der sogenannten NCMEC­Meldungen – also Verdachtsmeldungen zu Fällen des sexuellen Missbrauchs von Kindern – mittlerweile in den Millionenbereich geht. Es sind so viele, dass das BKA, das die Meldungen an das LKA weitergibt, keine Übersetzungen vom Englischen ins Deutsche mehr veranlasst. Als Kipo­Beamter bekommst du in deiner Dienststelle jeden Tag neue Meldungen auf den Tisch – und das sind lauter Verbrechenstatbestände.

Wolfgang Hauber: Und du weißt nicht: Läuft das noch, wird ein Kind weiterhin sexuell missbraucht.

DIE POLIZEI ALS ATTRAKTIVER ARBEITGEBER

Jürgen Schneider: Zur enormen psychischen Belastung kommt noch hinzu, dass die Beamten ihren Dienst zu ungünstigen Zeiten ausüben müssen. Die stehen um vier Uhr auf, um kurz nach sechs Uhr bei einem Verdächtigen an der Haustür zu stehen. Du willst den ja mit seinem Handy und seinem Laptop antreffen, sonst hat die Ermittlung keinen Verfahrenswert. Das gehört finanziell unterstützt! Sonst finden wir irgendwann keine Leute mehr.

Wolfgang Hauber: Wie ist es denn insgesamt um die Personalentwicklung bestellt?

Johann Bielmeier: Bei uns auf der Dienststelle in München fehlen 25 Prozent der Kräfte, die wir eigentlich bräuchten. Das liegt vor allem an den vielen Teilzeitstellen. Auf dem Papier haben wir zwar einen Höchststand an Beschäftigten, aber in der Realität haben die Dienststellen ein Problem, wenn zur Mittagszeit die Teilzeitkräfte nach Hause gehen.

Roland Spindler: Um aber mehr Kräfte zu gewinnen, müssen wir als innovativer, fortschrittlicher und attraktiver Arbeitgeber auftreten, der Sabbaticals ebenso ermöglicht wie Homeoffice und Teilzeit. Und wir müssen für eine Entlastung der Vollzugsbeamten sorgen!

Jürgen Schneider: Deshalb schlagen wir vor, die zusätzlichen 2.000 Stellen, auf die man sich im Koalitionsvertrag geeinigt hat, auch dazu zu nutzen, die Position des Kriminalassistenten zu schaffen.

Johann Bielmeier: Und wir müssen insgesamt für mehr Wertschätzung sorgen – etwa durch eine Erhöhung des Wohngelds für Beamte, die im Großraum München leben.

Roland Weigert: Ihr stellt euch täglich den unterschiedlichsten Aufgaben und Herausforderungen, um unsere Sicherheit zu gewährleisten – und riskiert dabei sogar euer Leben. Es versteht sich daher von selbst, dass wir gemeinsam mit unserem Koalitionspartner genau schauen werden, welche Wünsche wir wie erfüllen können. Wir bedanken uns für dieses Gespräch!


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